Wie aus einem Handwerkskurs eine kleine Bogenschule wurde
Im Weiteren Unterricht – unserem Neigungsfachangebot, bei dem Schülerinnen und Schüler selbst wählen, was sie interessiert – gibt es in Jahrgang zehn zwei Kurse, die auf den ersten Blick kaum etwas miteinander zu tun haben: Sport und Bogenbau. Inzwischen sind die beiden kaum noch zu trennen.
Der Bogenbaukurs hat sich in diesem Jahr Schritt für Schritt vorgearbeitet. Am Anfang standen einfache Bögen aus Manau, einem südostasiatischen Rattanrohr – robustes, lebendiges Material, das einem schnell zeigt, dass Bogenbau mehr ist als Biegen und Hoffen. Danach wurde es anspruchsvoller: Bögen aus ungeschältem Manau, aus Bambus, vierarmige Bögen nach dem Vorbild fantasievoller Ork-Waffen. Und schließlich mehrteilige Takedown-Bögen, bei denen die Griffe im CAD-Programm entworfen und mit der CNC-Fräse gefräst wurden, während die Wurfarme aus mehreren Lagen Glasfasergewebe, Bambus und Esche laminiert wurden. Was die Schülerinnen und Schüler dort gebaut haben, ist handwerklich wirklich beeindruckend – und sie wissen genau, was in jedem einzelnen Bogen steckt.


Genau dieses Wissen geben sie jetzt weiter. Auf unserer schuleigenen Schießanlage trainieren die Bogenbauer in Kleingruppen mit den Sportschülerinnen und Sportschülern – und die ersten Stunden hatten durchaus ihren Unterhaltungswert. Vom Schießen war anfangs noch gar nicht die Rede: Schon das Einnocken – das Einlegen des Pfeils in die Sehne – war eine echte Herausforderung. Pfeile rutschten von der Pfeilauflage, flogen in alle möglichen Richtungen, nur selten in die vorgesehene. Bögen, die zu stark waren, ließen die Arme vor Anstrengung zittern. Bögen, die zu schwach waren, schickten die Pfeile in einem weiten Bogen auf den Boden, weit vor der Scheibe. Geduld war gefragt – auf beiden Seiten.


Aber dann passiert das, wofür es sich lohnt: Die Bewegungen werden ruhiger, der Blick konzentrierter, die Pfeile fliegen gerader. Vermittelt wird die Technik des intuitiven Schießens – kein Visier, keine technischen Hilfsmittel, nur Körpergefühl und Wiederholung. Und mit jedem Treffer wächst etwas, das man nicht unterrichten kann: Ehrgeiz. Stolz. Die Freude daran, etwas zu können, das vor ein paar Wochen noch völlig unmöglich schien.
Dabei entdecken alle gemeinsam, wie verschieden die Bögen sind – wie sich Bambus anders anfühlt als Esche, warum ein Bogen für die eine Schützin perfekt passt und für den nächsten Schützen gar nicht funktioniert. Die Bogenbauer erklären, was sie selbst durch stundenlanges Bauen und Ausprobieren verstanden haben. Das Wissen wandert nicht von oben nach unten, sondern quer durch den Jahrgang. Und das, finden wir, ist Schule genau so, wie sie sein soll.


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